Das Private ist Politisch. Auch im Hundetraining.
Das Private ist politisch – auch im Hundetraining
Hundetraining wird oft als individuelle Kompetenzfrage verhandelt: Wer seinen Hund nicht „im Griff“ hat, hat sich nicht genug bemüht. Diese Verkürzung blendet die strukturellen Rahmenbedingungen der Hundehaltung aus.
1. Gesetzgebung und institutionelle Verantwortung
Zuchtstandards, Modehunde, Tierschutz, fehlende Regulierung und wirtschaftliche Interessen prägen, welche Hunde in welchen Haushalten landen. Überfüllte Tierheime, fehlende spezialisierte Plätze für verhaltensauffällige Hunde und Personalmangel sind systemische Probleme.
2. Urbanisierung und ungleiche Ressourcen
Verdichtete Städte, fehlende Grünflächen und steigende Mieten verschärfen Konflikte. Hunde leben zunehmend unter Bedingungen, für die sie evolutionär nicht gemacht sind. Gutes Training kostet Zeit, Geld und Zugang zu Wissen. Wer mehrere Jobs hat, alleinerziehend ist oder in prekären Wohnverhältnissen lebt, hat andere Möglichkeiten als jemand mit finanzieller und zeitlicher Freiheit.
3. Geschlechterrollen und Care-Arbeit
In vielen Haushalten sind es Frauen, die Verantwortung für Pflege, Training und Management von Hunden übernehmen. Diese Rollenverteilung entsteht nicht zufällig, sondern folgt gesellschaftlichen Mustern, die auch im Umgang mit Hunden wirken. Sorgearbeit, emotionale Regulation und Konfliktvermeidung werden gesellschaftlich nach wie vor stärker Frauen zugeschrieben.
4. Ideologie statt Fachlichkeit
Öffentliche Debatten über Hunde sind stark moralisiert. Zwischen „der Mensch ist immer schuld“ und „der Hund ist böse“ bleibt wenig Raum für differenzierte fachliche Betrachtung. Bestimmte Narrative setzen sich durch, weil sie emotional anschlussfähig sind – nicht, weil sie fachlich korrekt sind.
Fazit
Hundetraining ist kein neutraler Raum. Es bewegt sich im Spannungsfeld von Gesetzgebung, Ressourcenverteilung, Ideologie, Geschlechterrollen und institutionellem Versagen. Wer so tut, als sei unser Verhältnis zu Hunden alleine von individuellen Faktoren abhängig, verkennt die Realität – und entlastet Strukturen, die Verantwortung tragen müssten.
Das Private ist politisch. Auch an der Leine.